Nervensystem & Lernen
Konzentrationsprobleme bei Kindern – was wirklich dahintersteckt
Dein Kind zappelt, träumt oder verweigert – und Du weißt nicht warum? Die Antwort liegt fast nie dort, wo wir sie vermuten.
von Manu Mühlberger · Akademie Wissen um Gesundheit
Ich höre diesen Satz so oft – von Mamas, von Therapeutinnen, von Lehrerinnen: „Er könnte schon, wenn er nur wollte.“ Oder: „Sie ist so klug, aber sie gibt sich einfach keine Mühe.“ Und jedes Mal macht es mir ein bisschen das Herz schwer. Denn ich weiß, dass hinter diesen Worten meist ein Kind steckt, das sich wirklich anstrengt – das aber gerade nicht anders kann.
Ich bin Manu, Mama von 14-jährigen Zwillingen und seit 20 Jahren ganzheitliche Therapeutin. Und ich kann Dir heute mit aller Überzeugung sagen: Konzentrationsprobleme bei Kindern liegen fast nie an fehlendem Willen, schlechter Erziehung oder mangelnder Intelligenz. Der wahre Grund sitzt viel tiefer – nämlich im Nervensystem.
Was das Nervensystem mit Konzentration zu tun hat
Unser Nervensystem hat zwei grundlegende Modi: den Sympathikus (Aktivierung, Stress, Kampf-oder-Flucht) und den Parasympathikus (Ruhe, Sicherheit, Erholung). Echtes Lernen – das Aufnehmen, Verarbeiten und Verankern von Wissen – funktioniert nur im parasympathischen Modus. Also dann, wenn sich das Kind sicher fühlt.
Wenn ein Kind ständig zappelt, abgelenkt wirkt oder einfach „wegdriftet“, dann ist das meistens kein Trotz. Das ist ein Nervensystem, das gerade unter Strom steht. Es versucht, sich selbst zu regulieren – durch Bewegung, durch Tagträumen, durch Vermeidung.
- Das Kind kann nicht stillsitzen oder zappelt ständig
- Es verliert schnell den Faden und wirkt geistig abwesend
- Es verweigert Aufgaben oder wird bei Hausaufgaben aggressiv
- Es klagt über Bauchschmerzen oder Kopfschmerzen vor der Schule
- Es schläft schlecht oder hat morgens Schwierigkeiten aufzuwachen
Warum mehr Üben oft nicht hilft
Das Erste was viele Eltern versuchen – und das ist so verständlich – ist mehr Üben. Noch eine Runde Mathe, noch mal die Vokabeln, noch mal von vorne. Aber wenn das Nervensystem nicht reguliert ist, kommt das Wissen einfach nicht an. Es ist ein bisschen so, als würdest Du versuchen, Wasser in ein Glas zu füllen, das auf dem Kopf steht.
Das bedeutet nicht, dass Üben unwichtig ist. Aber es braucht zuerst die richtige Grundlage – ein Nervensystem, das sich sicher genug fühlt, um wirklich aufnahmefähig zu sein.
Was stattdessen wirklich hilft
In meiner Arbeit mit Kindern und Familien habe ich über die Jahre gemerkt, dass kleine Veränderungen manchmal alles umkehren können. Nicht große dramatische Schritte – sondern ein neues Verständnis davon, was das Kind gerade braucht.
1. Bewegung vor dem Lernen
10 Minuten Bewegung erhöhen den BDNF-Spiegel im Gehirn – das ist buchstäblich der Wachstumsfaktor für Nervenzellen. Ein Kind, das sich kurz austobt, kann danach deutlich besser lernen als eines, das direkt vom Schulbus an den Schreibtisch gesetzt wird.
2. Sicherheit vor Leistung
Kinder lernen unter Sicherheit, nicht unter Druck. Das klingt vielleicht weich – ist aber harte Neurobiologie. Wenn der präfrontale Kortex (unser Lernzentrum) unter Stress steht, schaltet er sich schlicht ab. Druck macht es also schlechter, nicht besser.
3. Den Körper einbeziehen
Einfache Überkreuzbewegungen, Atemübungen oder sanfte Akupressurpunkte können das Nervensystem innerhalb von Minuten in einen lernfähigeren Zustand bringen. Das klingt ungewöhnlich – aber es funktioniert. Und Kinder lieben es meistens sogar.
Ein neuer Blick auf Dein Kind
Was ich mir wünsche, ist dass Du nach diesem Artikel Dein Kind mit anderen Augen siehst. Nicht als jemanden, der sich keine Mühe gibt – sondern als jemanden, der gerade Hilfe braucht. Nicht mehr Druck, mehr Nachhilfe oder mehr Erwartungen. Sondern echtes Verständnis dafür, was in seinem kleinen Körper und Nervensystem gerade passiert.
Das Schöne ist: Das Gehirn ist unglaublich lernfähig – in jedem Alter, in jeder Situation. Es braucht nur die richtigen Impulse. Und manchmal reichen ein paar kleine ganzheitliche Veränderungen, um alles zu wenden.
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Über Manu Mühlberger
Ich bin Mama von jugendlichen Zwillingen und arbeite seit über 20 Jahren ganzheitlich. Als Gründerin der Akademie Wissen um Gesundheit bilde ich seit über 10 Jahren ganzheitliche Therapeutinnen aus. Mein Herz schlägt dafür, dass Kinder wieder mit mehr Leichtigkeit und Freude lernen dürfen – so wie es eigentlich von Natur aus ist.

Hallo Manu Mühlberger
Ich habe deinen Artikel gelesen. Nachdem Sie sich mit dem kindlichen Nervensystem auskennen und viele Jahre Erfahrung in diesem Bereich haben brennt mir eine Frage auf den Lippen. Manche Kinder bekommen nach Schuleintritt sog. „TICS“, Jungen häufiger als Mädchen. Haben Sie mit diesen “ Tics“ bei Kindern auch Erfahung. Ich bin eine Mama von einem 9 Jährigen Sohn der die Schule gut meistert doch leider seit Schulanfang unter diesen “ Tics“ leidet. Dafür ist auch das Nervensystem zuständig oder bzw. Ein überlastetes Nervenstystem!
Sollten Sie daher Erfahrungen haben freue ich mich um eine Antwort von Ihnen.
Danke
Viele Grüsse aus Deutschland
MONIKA Müller
Liebe Monika,
danke, für Deine Frage. Ich weiß, wie sehr sowas Elten beschäftigt.
Vorweg: Ich darf und möchte aus der Ferne nichts beurteilen, was Dein Sohn hat. Wenn die Tics seit Schulanfang neu dazugekommen sind, lohnt sich ein einmaliger Blick durch Eure Kinderärztin oder einen Kinderneurologen, einfach damit Ihr auf der sicheren Seite seid und weißt, worüber Ihr überhaupt sprecht. Das nimmt oft schon viel Anspannung raus.
Was ich aus meiner Arbeit allgemein sagen kann: Vorübergehende Tics im Grundschulalter sind deutlich häufiger, als viele denken, und Jungen sind tatsächlich öfter betroffen. Sie tauchen oft genau dann auf, wenn im Leben eines Kindes viel Neues gleichzeitig passiert. Schuleintritt ist für das kindliche Nervensystem eine enorme Leistung: stillsitzen, Reize filtern, sich anpassen, den ganzen Vormittag über Spannung halten. Ein Kind kann die Schule äußerlich gut meistern und innerlich trotzdem dauerhaft im Anspannungsmodus sein. Genau das beschreibst Du ja auch.
Was in solchen Situationen oft hilft, ganz unabhängig von der Ursache:
Druck rausnehmen. Tics lassen sich nicht wegkontrollieren, und Hinweise wie „lass das mal“ verstärken sie meist eher, weil sie zusätzliche Anspannung erzeugen. Am entlastendsten ist es für die meisten Kinder, wenn die Erwachsenen darüber hinwegsehen können.
Entladung nach der Schule. Bewegung an der frischen Luft, bevor Hausaufgaben kommen. Das Nervensystem braucht einen Weg, die Anspannung des Vormittags loszuwerden.
Reize am Nachmittag und Abend eher reduzieren, besonders Bildschirme. Und auf verlässlichen Schlaf achten, denn Müdigkeit verstärkt fast alles.
Regelmäßige Mahlzeiten. Ein schwankender Blutzucker macht ein ohnehin angespanntes Nervensystem noch reizbarer.
Du wirst vermutlich beobachten, dass die Tics in ruhigen Ferienwochen weniger werden und in stressigen Phasen mehr. Das ist eine wertvolle Information, für Euch und auch fürs Arztgespräch.
Ich wünsche Euch beiden von Herzen, dass sich das wieder beruhigt. Und Deinem Sohn wünsche ich vor allem das Gefühl, dass mit ihm alles in Ordnung ist.
Herzliche Grüße nach Deutschland
Manu